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Vermögen

Mein Vater hielt die Börse für Betrug. Er hatte fast recht.

Er war Prokurist und sagte: Das ist keine reale Wirtschaft, das ist eine parallele. Dreißig Jahre später habe ich seinen Satz gegen die Zahlen gehalten — gegen die, die ihm recht geben, und gegen die, die ihn widerlegen.

Von Leif Daniel Schmidt · Temple of Fortune · Aktualisiert:

Schnellantwort

Teilweise. Der Finanzmarkt erfüllt reale Aufgaben: Unternehmen beschaffen sich dort Kapital, Preise entstehen, Ersparnisse werden angelegt. Auffällig ist aber, woran die Branche gewachsen ist: Die US-Finanzbranche wuchs von 4,9 Prozent des BIP (1980) auf 7,9 Prozent (2007), und Greenwood und Scharfstein erklären einen erheblichen Teil davon aus steigenden Vermögensverwaltungsgebühren und aus Gebühren rund um die Ausweitung privater Kredite — Gebührenposten also, nicht Kapitalbeschaffung. Philippon beziffert die Kosten der Finanzintermediation über 130 Jahre auf 1,5 bis 2 Prozent der vermittelten Vermögenswerte bei konstanten Skalenerträgen; dieses Maß ist fachlich umstritten und wird hier nicht als Beweis geführt. Mein Vater lag richtig über die Menschen, die ihm das schnelle Geld versprachen, und falsch in der Annahme, es gäbe keinen ehrlichen Weg hinein.

Meinung. Das hier ist ein Essay des Herausgebers, keine Analyse und keine Empfehlung. Wo ich Zahlen nenne, steht die Quelle dabei. Der Rest ist meine Ansicht, und du darfst sie für falsch halten.

Das Urteil fiel in den Neunzigern

Mein Vater war Prokurist bei einer der größten Tageszeitungen des Landes. Über ihn lernte ich als Kind die ersten Menschen kennen, die das schnelle Geld versprachen. Es waren dieselben Typen, die es heute versprechen. Andere Anzüge, bessere Grafiken, dieselben Sätze.

Er lehnte diese Art, Geld zu verdienen, ab. Sein Einwand war nicht moralisch. Er war kaufmännisch, und er passte in einen Satz: Das ist keine reale Wirtschaft. Das ist eine parallele.

Ich habe dreißig Jahre gebraucht, um zu verstehen, wie präzise dieser Satz ist — und an welcher einen Stelle er nicht stimmt.

Was er eigentlich meinte

Ein Prokurist trägt kaufmännische Verantwortung. Er unterschreibt Dinge, die weh tun, wenn sie falsch sind. Mein Vater dachte in einer Kette, die man abschreiten kann: Es gibt ein Produkt. Es gibt jemanden, der es herstellt. Es gibt eine Spanne zwischen Einkauf und Verkauf, und diese Spanne muss die Arbeit bezahlen, die dazwischen liegt. Am Ende steht ein Kunde, der wiederkommt oder eben nicht.

Was er bei den Schnell-Geld-Leuten sah, hatte diese Kette nicht. Da war ein Versprechen, ein Betrag und eine Geschichte darüber, warum der Betrag größer wird. Der Teil dazwischen — die Arbeit — fehlte. Für einen Kaufmann ist das kein Geschäftsmodell, sondern ein Warnsignal.

Er hatte damit nicht die Börse gemeint. Er hatte die Menschen gemeint, die ihm die Börse verkaufen wollten. Diesen Unterschied habe ich als Kind nicht gehört, und er ist der ganze Punkt dieses Textes.

Wo er falsch lag

Der Finanzmarkt ist nicht nur Parallelwelt. Es gibt einen Teil von ihm, der so real ist wie eine Werkshalle.

Wenn ein Unternehmen Aktien oder Anleihen ausgibt, bekommt es Geld, das es vorher nicht hatte, und baut damit Dinge. Wenn Millionen Menschen kaufen und verkaufen, entsteht nebenbei etwas, das schwer zu ersetzen ist: ein Preis. Ein Preis sagt einer Volkswirtschaft, wo Kapital knapp ist und wo es im Weg liegt. Und die Rente, von der mein Vater heute lebt, liegt auch nicht unter der Matratze.

Wer diesen Teil leugnet, macht denselben Fehler wie die Schnell-Geld-Leute, nur mit umgekehrtem Vorzeichen: Er nimmt sich ein Stück Wirklichkeit heraus und erklärt es zum Ganzen. Mein Vater hat genau das getan, und es hat ihn etwas gekostet — dazu unten mehr.

Wo er recht hatte

Und jetzt der unbequeme Teil. Er lässt sich nicht mit einem Gefühl belegen, also nehme ich die Zahlen, die es dazu gibt.

Die US-Finanzbranche wuchs zwischen 1980 und 2007 von 4,9 auf 7,9 Prozent der Wirtschaftsleistung. Die interessante Frage ist nicht, dass sie wuchs, sondern woran. Greenwood und Scharfstein haben das aufgeschlüsselt: Ein erheblicher Teil des Wachstums erklärt sich aus steigenden Gebühren der Vermögensverwaltung — angetrieben davon, dass die Kurse der handelbaren Werte stiegen, auf die sich diese Gebühren beziehen. Ein zweiter wesentlicher Teil kam aus Gebühren rund um die Ausweitung privater Kredite, vor allem Hypotheken, getragen von der Entwicklung des Schattenbankwesens. Die Autoren selbst stellen ausdrücklich die Frage, ob dieses Wachstum gesellschaftlich nützlich war — und nennen ihre eigene Antwort vorläufig.

Hier muss ich sauber bleiben, sonst überdehne ich die Quelle: Die Studie sagt nicht, dass Kapitalbeschaffung für Unternehmen bedeutungslos geworden sei. Sie schlüsselt auf, woher der Zuwachs kam — und in dieser Aufschlüsselung sind es Gebührenposten, die ihn tragen. Das ist eine Beobachtung über die Zusammensetzung des Wachstums, keine Kausalaussage der Autoren, und ich verwende sie auch nicht als solche.

Mit dem Blick eines Kaufmanns bleibt trotzdem etwas hängen: Wenn dein Umsatz wächst, weil die Werte deiner Kunden im Kurs steigen, dann hast du kein besseres Produkt gebaut. Du hast eine Beteiligung an fremdem Aufschwung. Das ist ein legitimes Geschäft. Es ist nur ein anderes, als die Erzählung behauptet.

Dazu kommt die zweite Rechnung. Philippon hat 130 Jahre Finanzintermediation in den USA untersucht und kommt auf jährliche Kosten von 1,5 bis 2 Prozent der vermittelten Vermögenswerte, bei konstanten Skalenerträgen. In dieser Zeit kamen Computer, Netzwerke und Hochfrequenzhandel hinzu.

Und hier muss ich ehrlich sein, sonst mache ich, was ich anderen vorwerfe: Dieses Maß ist umstritten. Der ernsthafte Einwand lautet, dass die Branche heute mehr leistet als 1900 — mehr Menschen mit Zugang, mehr Absicherung, andere Produkte. Dann wäre die Bezugsgröße nicht dieselbe, und die Quote nicht direkt vergleichbar.

Was dagegen für die Rechnung spricht: Sie ist kein amerikanischer Sonderfall. Bazot hat dieselbe Frage für Europa zwischen 1950 und 2007 gestellt — Deutschland, Frankreich, Großbritannien. Auch dort sinken die Stückkosten der Finanzintermediation über den Zeitraum nicht, Frankreich ausgenommen. Nach den Neunzigern gingen sie in Europa zurück, während sie in den USA stabil blieben; über den gesamten Zeitraum stiegen sie in den USA stärker als in Europa. Und die Autoren finden noch etwas, das zu Greenwood und Scharfstein passt: Der gemeinsame Aufstieg von Vermögensverwaltung, Kreditvermittlung und Wertpapiergeschäft in den Neunzigern und Zweitausendern fällt mit höheren Stückkosten zusammen.

Zwei unabhängige Messungen, zwei Kontinente, ein Befund: Die Sache wird nicht billiger. Ich führe Philippons Zahl trotzdem nicht als Beweis, sondern als beste verfügbare Schätzung mit bekannten Schwächen — und als das, was meinem Vater niemand gesagt hat, was er aber ahnte.

Der billige Trick, den ich nicht benutze

An dieser Stelle würde ein Text wie dieser normalerweise die ganz große Zahl auffahren: Die Nominalwerte ausstehender Derivate übersteigen die jährliche Weltwirtschaftsleistung um ein Vielfaches. Man kann das bei der BIS nachlesen, und es klingt nach Beweis.

Es ist keiner. Der Nominalwert ist nur die Bezugsgröße, auf die ein Kontrakt sich rechnet — nicht das Geld, das im Feuer steht. Der Bruttomarktwert, also das, was die Kontrakte tatsächlich wert sind, ist ein Bruchteil davon. Wer beide Zahlen verwechselt, baut sich eine Empörung, die die Statistik nicht hergibt.

Ich lasse den Trick liegen, und zwar aus einem einzigen Grund: Es ist derselbe Griff, den die Leute benutzen, vor denen mein Vater gewarnt hat. Eine gewaltige Zahl, ein Gefühl, kein Beleg. Man kann diese Methode nicht kritisieren und gleichzeitig verwenden, nur weil sie diesmal der eigenen These dient.

Was ich aus meinen eigenen Büchern dazu beitragen kann

Volkswirtschaftliche Studien sind das eine. Die eigene Küche ist das andere, und hier kann ich liefern statt zu zitieren.

Wir haben unsere eigenen Handelspfade nach Kosten durchgerechnet und das Ergebnis veröffentlicht: Zwei von drei Pfaden waren nach Gebühren netto negativ, obwohl sie brutto teils im Plus lagen. Der Gebührenanteil am Bruttogewinn lag bei rund 225 und 118 Prozent — die Reibung war größer als der Ertrag. Die vollständige Rechnung samt ihrer Schwächen steht in der Gebühren-Wahrheit.

Und jetzt die Grenzen dieser Zahl, damit ich nicht denselben Fehler mache wie zwei Absätze weiter oben: Das sind drei Pfade, nicht dreihundert. Bei n = 3 gibt es keine Statistik, keine Repräsentativität und keine Aussage über die Branche — nicht einmal eine belastbare über uns. Es sind außerdem unsere eigenen Bücher, von niemandem unabhängig geprüft; du musst mir glauben, dass die Zahlen stimmen, und das ist ein schwaches Argument. Ich nenne sie trotzdem, weil sie das Einzige sind, was ich in dieser Frage aus erster Hand beitragen kann, und weil sie in die unbequeme Richtung zeigen: gegen uns.

Was sie belegen, ist bescheiden und trotzdem der Kern: Zwischen „ich lag richtig” und „ich habe verdient” sitzt jemand, der an jeder Runde mitverdient — unabhängig davon, ob ich richtig lag. Wer seine Reibung nicht kennt, kennt sein Ergebnis nicht.

Warum „fast”

Mein Vater hatte recht über die Menschen, die er traf. Sie verkauften eine Geschichte, und er hat es gerochen, ohne eine einzige Kennzahl zu kennen.

Er hatte unrecht in der Schlussfolgerung. Aus „viele hier lügen” folgt nicht „hier ist alles Lüge”, sondern nur: Man muss verdammt genau hinsehen. Er hat aus einer richtigen Beobachtung eine zu große Regel gemacht — und die Regel hat ihn vor Verlusten bewahrt und ihn aus etwas herausgehalten, das er hätte lernen können. Beides gehört in dieselbe Bilanz.

Ich habe beides geerbt. Die Faszination, die mich nicht losließ, obwohl niemand in meinem Umfeld auch nur in der Nähe dieser Welt war. Und sein Misstrauen, das mir bis heute jeden Screenshot eines Gewinns zerlegt, bevor ich ihn zu Ende gesehen habe. Dass dieses Haus Betrugsmuster auseinandernimmt, ist keine Marktlücke. Es ist geerbte Skepsis.

Der dritte Weg

Ich musste mich nicht zwischen seinen zwei Welten entscheiden. Ich behandle die Finanzmärkte wie ehrlichen Warenhandel.

Und weil ich oben Analogien kritisiert habe, sage ich klar, was das ist: ein Arbeitsprinzip, kein Beweis. Finanzintermediation und Textilproduktion sind ökonomisch nicht dasselbe; man kann aus dem einen nichts über das andere beweisen. Was man übertragen kann, sind die Fragen, die ein Kaufmann stellt, bevor er unterschreibt.

Ein Produkt, das man erklären kann. Eine Marge, die man nachrechnen kann. Kosten, die man kennt, bevor man sie zahlt. Und Kundenvertrauen, das man verliert, wenn man lügt.

Im Warenhandel sind das Selbstverständlichkeiten. Niemand feiert einen Händler dafür, dass er seine Einkaufspreise kennt. In der Finanzwelt im Internet ist es eine Position — und das sagt mehr über diese Branche als jede Statistik, die ich hier zitieren könnte.

Mein Vater hat den Tempel nie gesehen. Aber wenn er ihn sich ansieht, wird er die Handschrift erkennen: erst das Produkt, dann die Geschichte. Und wenn es keine Geschichte gibt, dann gibt es eben keine.

Wie das mit dem Rest meines Lebens zusammenhängt — mit der KFZ-Lehre, der Kleidungsfirma und den zehn Jahren, in denen ich alles verstand und trotzdem verlor — steht in meiner Geschichte. Weitere Texte aus diesem Ressort stehen in Vermögen & Mindset.

Häufige Fragen

Ist der Finanzmarkt nun reale Wirtschaft oder nicht?
Beides. Der Teil, der Unternehmen mit Kapital versorgt, ist real und nützlich — das bestreitet auch niemand in der Literatur. Auffällig ist, woraus der Zuwachs der Branche bestand: Greenwood und Scharfstein erklären den Anstieg von 4,9 auf 7,9 Prozent des BIP zwischen 1980 und 2007 zu erheblichen Teilen aus Vermögensverwaltungsgebühren und aus Gebühren im Zusammenhang mit privaten Krediten. Das ist eine Aussage über die Zusammensetzung des Wachstums, keine Kausalaussage gegen die Kapitalbeschaffung — und so wird sie hier auch verwendet.
Warum vergleicht ihr nicht einfach die Derivate-Volumina mit der Weltwirtschaftsleistung?
Weil dieser Vergleich mit Nominalwerten arbeitet, und die sind nicht das Geld, das im Feuer steht. Der Bruttomarktwert der Kontrakte ist ein Bruchteil der Nominalsumme. Die Zahl klingt gewaltig und beweist nichts — es ist derselbe rhetorische Griff, den die Leute benutzen, vor denen mein Vater gewarnt hat. Deshalb steht sie hier nicht als Argument.
Ist die Philippon-Studie unumstritten?
Nein, und das gehört dazu. Der ernsthafte Einwand lautet: Vielleicht leistet die Branche heute mehr als vor hundert Jahren — mehr Zugang, mehr Absicherung, mehr Menschen mit Depot. Dann wäre die Bezugsgröße nicht dieselbe und die Kostenquote nicht direkt vergleichbar. Ich führe die Zahl deshalb nicht als Beweis, sondern als beste Schätzung mit bekannten Schwächen.
Ist das hier eine Anlageempfehlung?
Nein. Es ist ein Meinungsstück des Herausgebers über die Frage, was Finanzmärkte eigentlich sind. Es enthält keine Empfehlung, kein Signal und keine Prognose. Was du mit deinem Geld machst, entscheidest du selbst.

Quellen

Kein Anlage-, Steuer- oder Rechtsrat. Investieren und Trading sind mit erheblichen Risiken bis zum Totalverlust verbunden. Recherchiere selbst und entscheide eigenverantwortlich.

Kommentare

Diskutiere hart in der Sache, fair im Ton. Keine Finanz-„Tipps" mit Gewinnversprechen, keine Werbung, keine Links zu Scams — sowas fliegt raus, im Wiederholungsfall samt Konto. Der Rest: willkommen im Tempel.